Verhaltensauffälligkeiten
Die Wirkung von Heilpädagogischem Voltigieren und Mototherapeutischem Reiten bei Verhaltensauffälligkeiten, v.a. den großen positiven Effekt bei Ich-Kompetenz und Sozialkompetenz, beschreibt am besten folgendes Zitat (aus "Heilpädagogisches Reiten als Erziehungsmittel bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen" von Stephanie Wiegand, Staatsexamensarbeit an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, Baden-Württemberg, Deutschland, 2007).
Die Autorin spricht von Heilpädagogischem Reiten. Dieselben Aussagen lassen sich aber auch für Heilpädagogisches Voltigieren und Mototherapeutisches Reiten treffen:
"Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche sind ihrer Umwelt gegenüber sehr empfindsam. Deshalb ist das Vertrauen zu ihren Mitmenschen häufig gering, da sie ein Gespür und ein Bewusstsein für deren Ablehnung haben.
Der Aufbau von Vertrauen zwischen Kind und Pferd ist aus diesem Grund zunächst das erste wichtige Ziel beim Heilpädagogischen Reiten. Das Kind sollte sich das Pferd, mit dem es Kontakt aufbauen möchte, möglichst selbst aussuchen können. Durch die Auseinandersetzung mit den individuellen Eigenarten des Pferdes wächst schließlich das Verständnis des Kindes für das Pferd und somit auch das Vertrauen.
Die emotionale Beziehung zwischen Kind und Pferd kann schließlich als „Türöffner“ für eine vertrauensvolle Beziehung mit der Therapeutin fungieren. Das Pferd hilft der Therapeutin somit beim Beziehungsaufbau.
Auch durch die Konstanz der Rahmenbedingungen soll Vertrauen geschaffen werden. Dabei erscheint es wichtig, die Reittermine regelmäßig durchzuführen, den Ablauf der Stunde immer gleich oder ähnlich zu gestalten und möglichst auch immer das gleiche Pferd zu wählen. Wenn die Kinder sich gegenseitig auf das Pferd helfen, das Pferd von einem anderen Kind geführt wird oder zu zweit auf dem Pferd geritten oder voltigiert wird, lernen die Kinder außerdem auch anderen Kindern zu vertrauen. Es erfordert schließlich auch Mut und gegenseitiges Vertrauen, ein anderes Kind an sich selbst festhalten zu lassen, Hilfe zu geben oder an zu nehmen.
Durch das Gelingen von Aufgaben und der ehrlichen Rückmeldung durch das Pferd, die Reitpädagogin und die anderen Kinder steigt schließlich auch das Vertrauen zu sich selbst. Abbau von Ängsten:
Ängste werden durch mangelndes Selbstvertrauen und mangelndes Vertrauen zu anderen Personen hervorgerufen. Verhaltensauffällige Kinder kompensieren ihre Unsicherheiten oft durch Aggression oder Resignation. Diese Abwehrhaltung, um eigene Defizite zu verbergen, verhindert das Erkennen von eigenen Stärken und Schwächen. Die Verbesserung der eigenen Selbsteinschätzung und des Selbstvertrauens kann somit durch das Reiten auch beim Abbau von Ängsten helfen. Berührungsängste, Angst vor Nähe und Hingabe und Angst vor Veränderungen können durch das Reiten abgebaut werden. Ängstliche Kinder, die sprachlich gehemmt, sind haben durch das Pferd die besondere Möglichkeit, sich nonverbal auszutauschen. Dies kann für das Kind von besonderer Bedeutung sein, wenn es nicht imstande ist, seine Gefühle verbal auszudrücken.
Kinder, die unter hohem Leistungsdruck in der Schule stehen, die so genannte Schulängste zeigen, erhalten durch das Reiten eine neue unbelastete Lernsituation. Das Heilpädagogische Reiten ermöglicht diesen Kindern die Erfahrung, dass es auch ohne Druck möglich ist zu lernen und Fortschritte zu machen.
Erlernen richtiger Selbsteinschätzung:
A. Förster ist der Meinung, dass sich der Mensch in der Gesellschaft von Tieren ungezwungener und unbeobachteter verhält und dadurch das Wissen um eigene Kompetenzen erweitert bzw. bewusst gemacht werden kann.Wie [...] erwähnt, neigen verhaltensauffällige Kinder dazu, eigene Defizite zu verstecken. Dies geschieht beispielsweise durch Überschätzung und das Herausstellen eigener Leistungen. Durch die Übungen auf dem Pferd realisiert das Kind allerdings schnell seine eigenen Grenzen. Bei Selbstüberschätzung sollte das Kind ermuntert werden, die Übung (wenn tragbar) zu versuchen. Entweder das Kind probiert es, um sich nicht zu blamieren, oder es zieht seine Behauptung zurück. Dann kann man dem Kind verständlich machen, dass es für ihn spricht, dass er es nicht macht, er sich aber doch das nächste Mal vorher überlegen soll, ob er die Übung wagen kann. So lernt das Kind, nicht mit (Nicht)Können zu prahlen.
Auch die direkte Antwort des Pferdes auf richtiges und falsches Verhalten ebnet den Weg zur Selbsterkenntnis. „Das eigene Verhalten und dessen Wirkung auf die Umwelt wird im Laufe der Zeit besser wahrgenommen. Die eigenen Stärken und Schwächen besser erkannt, neue Handlungsmuster erprobt und das Verhaltensrepertoire vervollständigt“. D. Baum stellt außerdem fest, dass viele Menschen versuchen, die negativen Seiten an sich selbst auszublenden. Das Reiten konfrontiert den Reiter stets mit beiden Seiten, den positiven und den negativen (z.B. Aggressionen gegen das Pferd). So kann der Reiter den Umgang mit der Existenz beider Seiten lernen. „Erst wenn ich lerne, beide Seiten, die positiven wie die negativen Seiten in mir selbst und in meinem Leben anzunehmen, komme ich zu einem erfüllten Leben“.
Aufbau von Selbstbewusstsein:
Verhaltensauffällige Kinder spüren durch ihre Mitmenschen vielfach ihre Andersartigkeit und dass sie manche Dinge nicht so gut beherrschen. Es ist darum verständlich, dass ihr Selbstbewusstsein oft Defizite aufweist.Aus diesem Grund werden Aufgaben aus Angst zu Versagen meistens erst gar nicht ausprobiert. Es ist deshalb wichtig, dass das Kind beim Heilpädagogischen Reiten selbst bestimmt, wann es welche Übung machen möchte. Denn nur durch kleine selbstinitiierte Erfolge kann das Selbstbewusstsein zurück gewonnen werden.
Das Gefühl des Gebrauchtwerdens ist wichtige Grundlage für den Aufbau von Selbstbewusstsein. Vor allem Kinder, die sich vor dem Heilpädagogischen Reiten einsam und alleine fühlen, vielleicht unter Kontaktarmut leiden, fühlen sich durch das Pferd auch mit ihren Eigenheiten angenommen und akzeptiert. Das Pferd kann sie nicht anschreien und ist nicht nachtragend. Dies ermöglicht den Aufbau neuen Selbstbewusstseins, was sie für andere Kinder eventuell als Sozialpartner wieder attraktiver macht.
Es erfüllt ein Kind außerdem mit Stolz, mit einem großen und kraftvollen Tier umgehen zu können und fördert somit das Selbstwertgefühl. Das Kind oder der Jugendliche identifiziert sich mit dem Tier, besonders beim Galopp, da es hier die Energie und Kraft des Pferdes besonders spürt. Durch die Identifikation wird das Kind auch in seiner eigenen Persönlichkeit gestärkt."



Verhaltensauffälligkeiten